Zigarren-Blindtasting: Pros & Cons
Wer sich eine Zigarre anzündet, hat sein Urteil oft schon gefällt, bevor der erste Zug gezogen wurde. Das Deckblatt, die Herkunft, der Preis im Regal oder vielleicht die Erinnerung an einen Abend, an dem genau diese Marke besonders gut geschmeckt hat, legen sich wie ein Filter über die Wahrnehmung und trüben die Offenheit für Neues und Unverfälschtes.
Eine Habano für dreissig Franken wird in der Erwartung anders geraucht als eine unbekannte, preiswertere Marke aus Nicaragua. Ob sie tatsächlich besser ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt.
Genau hier setzt ein Blindtasting an. Die Zigarre kommt unverfälscht ohne Ring, ohne Namen und ohne Preisvorstellung von der Hand zum Gaumen. Es bleibt die Zigarre selbst: ihr Zugverhalten, ihr Abbrand, die Balance zwischen Stärke und Aroma und ihre Entwicklung vom ersten bis zum letzten Drittel. Was bleibt ist die eigene Wahrnehmung unverstellt, sinnerfüllt und authentisch.
Wie läuft ein Blindtasting ab?
Der Aufbau ist bewusst schlicht gehalten. Jeder Teilnehmer erhält dieselbe Zigarre, ohne jeglichen Hinweis auf Marke oder Herkunft. Es wird genossen, beobachtet und festgehalten was während des Abbrands auffällt.
Wie zieht die Zigarre? Brennt sie gleichmässig ab oder muss korrigiert werden? Welche Aromen zeigen sich im ersten Drittel, und wie verändert sich der Genuss im weiteren Verlauf? Ist die Stärke passend zum Körper, oder überlagert das eine das andere?
Nach der Verkostung wird die Identität der Zigarre aufgelöst. Genau das wird meist zum interessantesten Teil des Abends. Denn nun zeigt sich, wie weit das eigene Urteil von den ursprünglichen Erwartungen entfernt liegt. Auf einmal schrumpft die Verkostung auf das Wesentliche zusammen, die handwerkliche Realität. Das Auge verliert seine Deutungshoheit, und die übrigen Sinne übernehmen die Führung.
Wie fühlt sich das Deckblatt an? Zeigt der Zugwiderstand handwerkliche Präzision oder Nachlässigkeit beim Rollen? Wie verhält sich der Abbrand, und wie stabil steht die Asche? Vor allem aber: Wie harmonieren Einlage, Umblatt und Deckblatt im Rauchverlauf? Welche Balance und welche aromatische Entwicklung zeigt die Zigarre über die gesamte Rauchdauer?
Die Pros & Cons auf den Punkt gebracht
Ein Blindtasting ist eine der ehrlichsten Erfahrungen für jeden Aficionado – doch es eignet sich nicht für jede Gelegenheit. Ein nüchterner Blick auf die Pros und Kontras:
Die Vorteile
- Objektive Sensorik: Ohne den Halo-Effekt von Markennamen oder hohen Preisen konzentriert man sich unvoreingenommen auf Zug, Abbrand, Körper und Aromenkomplexität.
- Echtes Qualitätstraining: Die eigene Sensorik wird geschärft. Man lernt, handwerkliche Qualität – etwa Rolltechnik, Fermentationsgrad und Tabakbalance – analytisch zu beurteilen, statt sich von Etiketten und Markenprofilen leiten zu lassen.
- Heilsame Überraschungen: Immer wieder können handwerklich hervorragende Geheimtipps renommierte Ikonen hinter sich lassen. Die Erkenntnis, dass teuer nicht automatisch besser bedeutet, erweitert den eigenen Genusshorizont.
- Fokus auf das Handwerk: Tabak und Arbeit des Torcedors stehen im Mittelpunkt – nicht das Marketingbudget des Herstellers.
Die Herausforderungen
- Verlust des emotionalen Rahmens: Für viele Genussraucher gehören das Ritual, die Ästhetik des Rings und das Prestige einer bestimmten Marke fest zum Erlebnis. Fällt dieser Aspekt weg, kann die Verkostung als zu analytisch empfunden werden.
- Mentale Unsicherheit: Ohne die Orientierung durch bekannte Markenprofile sind manche Raucher zunächst verunsichert. Es braucht Mut und Konzentration, ein Urteil allein aus dem eigenen Sinneseindruck heraus zu fällen.
- Geringere Fehlertoleranz: Eine blind verkostete Zigarre wird naturgemäss kritischer betrachtet. Schon kleinere Schwankungen im Zugverhalten oder Abbrand fallen stärker ins Gewicht als bei einer vertrauten Lieblingszigarre.
Das Urteil fällt im Gaumen, nicht auf dem Etikett
Am Ende führt das Blindtasting zu einer klärenden Ernüchterung, im besten Sinne. Man löst sich ein Stück weit von den Vorurteilen der Branche und gewinnt mehr Vertrauen in den eigenen Geschmack. Man lernt zu erkennen, was eine Zigarre tatsächlich charakteristisch macht, unabhängig davon, welcher Name am Ende bei der Auflösung zum Vorschein kommt.
Was am Ende bleibt
Blindtasting ersetzt Wissen nicht, es erweitert den eigenen Horizont. Die Marke, die Herkunft, die Geschichte hat weiterhin seinen Platz, nur nicht mehr vor dem ersten Zug. Wer einmal erlebt hat wie stark die eigene Erwartung die Urteilsfähigkeit verfärben kann, raucht danach nicht unbedingt anders, aber bewusster. Und wählt vielleicht auch anders aus. Es geht nicht darum, Vorlieben abzuschaffen. Es geht darum, zu wissen, woher sie kommen.
Event-Hinweis: Blindtasting bei Maduro Olten
Wer die Erkenntnisse eines Blindtastings selbst mit seinen eigenen Sinnen erleben möchte, hat am Mittwoch, 23. September 2026, bei der Maduro GmbH in Olten die Gelegenheit dazu.
Im Rahmen eines geführten Blindtastings wird eine Churchill-Zigarre ohne Ring und Herkunftsangabe verkostet. Erst im Anschluss wird ihre Identität gemeinsam aufgelöst. Genau dieser Moment verspricht besondere Spannung: Wie weit liegen die eigenen Erwartungen und das tatsächliche sensorische Urteil auseinander?
Zu Gast: Vasilij Ratej
Durch den Abend führt Vasilij Ratej, Gründer und Herausgeber von Zigarren.Zone sowie Mitgründer von origin-of-cigar.com. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Zigarren, ihrer Herkunft, der Tabakverarbeitung und den handwerklichen Grundlagen ihrer Qualität.
Nach der Auflösung ordnet Ratej die Eindrücke der Runde ein und zeigt auf, was die verkostete Zigarre charakteristisch macht – von der Tabakmischung über die Verarbeitung bis hin zu Zug, Abbrand und aromatischer Entwicklung. Fragen und Diskussionen sind dabei ausdrücklich erwünscht.
Informationen zum Event
- Mittwoch, 23.09.2026
- Beginn: 19.45 Uhr – damit wir gemeinsam starten können, bitten wir um pünktliches Eintreffen. Türöffnung ist um 19.30 Uhr.
- Ende: ca. 21.45 Uhr
- Location: Maduro Olten, Ringstrasse 4, 4600 Olten
- Preis: CHF 59.00
Im Preis enthalten sind die Verkostungszigarre, leichte Verpflegung und Getränke.